DIE NAMEN DER NUMMERN
Eine Initiative zur Erinnerung an 86 jüdische Opfer eines Verbrechens von NS-Wissenschaftlern
 


August Hirt (1898 - 1945)

Rolf Hochhuth dämonisiert Hirt 1963 in einem Steckbrief als die Inkarnation des Bösen: “Ein gargantuahafter, raumfüllender Zecher mit einem Brustkorb wie ein Allesbrenner, der sein zynisch-gemütliches Schwäbeln an Bierabenden noch kultiviert, weil er dessen humorige Wirkung richtig abschätzt.” Nachzulesen in dem Trauerspiel »Der Stellvertreter«. “Er wurde nie gefunden”, fährt Hochhuth fort, “wahrscheinlich auch nie gesucht, obwohl seine wissenschaftlich gepflegte Idiotie und Grausamkeit selbst noch das branchenübliche Maß vieler prominenter Mediziner übertrafen.”

Nie gefunden? Nicht einmal gesucht? Hochhuths Argwohn war in diesem Fall unbegründet. Aus Akten der schweizerischen Bundesanwaltschaft geht hervor, dass die Behörden noch bis Ende der 1950er Jahre mit der Fahndung nach Hirt befasst waren. Deswegen in der Schweiz, weil der als Spezialist für Introvitalmikroskopie bekannte Anatom Hirt angeblich im August 1945 in der Gegend von Genf gesehen wurde, aber auch, weil er schweizerischer Staatsbürger war (seit 1921 zusätzlich mit der deutschen Staatsbürgerschaft). Tatsächlich hat August Hirt bereits am 2. Juni 1945 nahe dem Schwarzwalddörfchen Schönenbach, wo er Ende April 1945 untergetaucht war, sein Leben mit einem Pistolenschuss in den Kopf selbst beendet. Allerdings dauerte es lange, bis dies einer größeren Allgemeinheit bekannt wurde. Am 23. Dezember 1953 wurde er - selbstverständlich in Abwesenheit - von einem Militärgericht in Metz zum Tode verurteilt. Im Fahndungsblatt der schweizerischen Bundesanwaltschaft blieb er bis 1959 verzeichnet.

 

Link: Lebenslauf

August Hirt

Mit dieser “Projektskizze” initiierte Prof. August Hirt den Mord an Häftlingen, um die Anthropologische Sammlung an der Universität Straßburg zu ergänzen. Die Morde erfolgten später auf andere Weise, aber sie entsprangen dem selben perversen Kalkül:                                                                                                                Betr.: Sicherstellung der Schädel von jüdisch-bolschewistischen Kommissaren zu wissenschaftlichen Forschungen in der Reichsuniversität Straßburg.
   ”Nahezu von allen Rassen und Völkern sind umfangreiche Schädelsammlungen vorhanden. Nur von den Juden stehen der Wissenschaft so wenig Schädel zur Verfügung, dass ihre Bearbeitung keine gesicherten Ergebnisse zulässt. Der Krieg im Osten bietet uns jetzt Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen. In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein widerliches, aber charakteristisches Untermenschentum verkörpern, haben wir die Möglichkeit, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir ihre Schädel sichern.
  Die praktische Durchführung der reibungslosen Beschaffung und Sicherstellung dieses Schädelmaterials geschieht am zweckmäßigsten in Form einer Anweisung an die Wehrmacht, sämtliche jüdisch-bolschewistischen Kommissare in Zukunft lebend sofort der Feldpolizei zu übergeben. Die Feldpolizei wiederum erhält Anweisung, einer bestimmten Stelle laufend den Bestand und Aufenthaltsort dieser gefangenen Juden zu melden und sie bis zum Eintreffen eines besonderen Beauftragten wohl zu behüten. Der zur Sicherstellung des Materials Beauftragte (...) hat eine vorher festgelegte Reihe photographischer Aufnahmen und anthropologischer Messungen zu machen' und, soweit möglich, Herkunft, Geburtsdaten und andere Personalangaben festzustellen. Nach dem danach herbeigeführten Tode des Juden, dessen Kopf nicht verletzt werden darf, trennt er den Kopf vom Rumpf und sendet ihn, in eine Konservierungsflüssigkeit gebettet, in eigens zu diesem Zwecke geschaffenen und gut verschließbaren Blechbehältern zum Bestimmungsort. An Hand der Lichtbildaufnahmen, der Maße und sonstigen Angaben des Kopfes und schließlich des Schädels können dort nun die vergleichenden anatomischen Forschungen über Rassenzugehörigkeit, über pathologische Erscheinung der Schädelform, über Gehirnform und -größe und über vieles andere mehr beginnen.
  Für die Aufbewahrung und Erforschung des so gewonnenen Schädelmaterials wäre die neue Reichsuniversität Straßburg ihrer Bestimmung und ihrer Aufgabe gemäß die geeignete Stätte.”

 

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© Hans-Joachim Lang