DIE NAMEN DER NUMMERN
Eine Initiative zur Erinnerung an 86 jüdische Opfer eines Verbrechens von NS-Wissenschaftlern
 


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© Hans-Joachim Lang

Prof. Anselm Doering-Manteuffel: (Institut für Zeitgeschichte an der Uni Tübingen)

Aus der Anonymität lösen

Den Opfern die Ehre zurück geben: Hans-Joachim Langs Spurensuche „Die Namen der Nummern“

“Inhaltsleere Gedenkrituale sind ihm zutiefst suspekt.“ Was Hans-Joachim Lang vor einigen Jahren im TAGBLATT über Salomon Korn schrieb, gilt ebenso für ihn selbst. Ohne je in einen pauschal anklagenden, bloß moralisierenden Ton zu verfallen, schreibt er kontinuierlich über die Leidensgeschichte der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Seine Beiträge über das Ringen um den Synagogenplatz in der Gartenstraße, über die Fachbibliothek des Arztes Cäsar Hirsch als Beutegut in der Universitätsbibliothek, über die Aberkennung von Doktortiteln in der Juristischen Fakultät, über die nationalsozialistische Spielart von Biowissenschaften bei Tübinger Medizinern während des Zweiten Weltkriegs oder über Fritz Bauer und den Auschwitz-Prozess in den sechziger Jahren betreffen stets einen konkreten Sachverhalt.

Lang recherchiert gründlich und präsentiert detailgenaue Ergebnisse. Unnachsichtig deckt er die moralische Indifferenz in der deutschen Gesellschaft nach 1933 auf und zeigt das geringe Maß an Zivilcourage und den Karriereehrgeiz der vielen Mitläufer im akademischen Feld, die darüber zu Tätern wurden. An den Reaktionen der Juden auf ihre Entrechtung und Diskriminierung spiegelt er das würdelose Verhalten von Nachbarn und Berufskollegen.

Es geht ihm darum, den Opfern der Judenverfolgung ihre persönliche Ehre wenigstens vor der Geschichte zuteil werden zu lassen, die ihnen nach 1933 als erstes genommen wurde, bevor das Regime sie in die Emigration, den Selbstmord oder die Massenvernichtung trieb. Geschichte konkretisiere sich durch Namen und Orte, sagt er einleitend in seinem jüngsten Buch „Die Namen der Nummern“. Human werde sie jedoch erst, wenn sie sich nicht auf Tatorte und Täter beschränkt. Wer die Opfer ausblendet, mache sich indirekt zum Mitvollstrecker, denn vollendet werde die Vernichtung erst durch das Vergessen.

Hans-Joachim Lang hat nach den Opfern eines Verbrechens gesucht, das von der SS-Forschungsgemeinschaft „Ahnenerbe“ ausgeführt wurde. In Auschwitz wurden 86 jüdische Häftlinge ausgewählt, 29 Frauen und 57 Männer, um eine Skelettsammlung an der „Reichsuniversität“ Straßburg zu vervollständigen. Nachdem man sie anthropologisch vermessen und photographiert hatte, wurden sie im August 1943 in der Gaskammer des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass umgebracht. Die Leichen kamen sofort ins Anatomische Institut der Universität und wurden dort konserviert, denn der Aufbau der geplanten rassenanthropologischen Skelettsammlung verzögerte sich. Der verantwortliche Mediziner, Prof. August Hirt, ließ die Körper im Keller des Instituts aufbewahren.

Als die alliierten Truppen im Herbst 1944 anrückten, gelang es nicht mehr, die Leichen verschwinden zu lassen. Einige wurden zerstückelt, andere waren noch vollständig erhalten, als die Franzosen die Universität wieder in Besitz nahmen. Sie entdeckten Nummern von KZ-Häftlingen auf dem linken Unterarm der Toten, und es stellte sich heraus, dass ein Angestellter des Instituts im Sommer 1943 diese Nummern heimlich notiert hatte. Eine Abschrift seiner Notizen liegt heute im Archiv des Holocaust-Museums in Washington.

In jahrelanger detektivischer Arbeit ist es Lang gelungen, die Namen ausfindig zu machen, Angehörige aufzuspüren, sie über das Schicksal der Toten zu informieren und sich zugleich ein Bild von den Ermordeten zu machen. Seine Recherchen führten ihn quer durch Europa und schließlich nach Jerusalem und Washington. Angehörige fand er in Argentinien, in vielen europäischen Ländern, in Israel und den USA.

Das Buch berichtet von dieser Suche und beschreibt die Zusammenhänge des Natzweiler-Mords. Es zeichnet im ersten Teil biographische Porträts einiger der Opfer und rekonstruiert vor allem die Monate vor der Deportation, die schrittweise Entehrung durch den Entzug der bürgerlichen Rechte, Berufsverbot und Diebstahl des Besitzes. Die späteren Opfer wurden im Frühjahr 1943 aus Norwegen, Belgien und Holland, Frankreich, Deutschland, Griechenland deportiert, als die NS-Führung nach der Katastrophe von Stalingrad mit um so verbissenerer Entschiedenheit die Vernichtung der europäischen Juden forcierte. In Auschwitz wurden die Häftlinge im Alter zwischen 20 und 50 Jahren von zwei jungen Medizinern im Rang von SS-Offizieren ausgewählt, dem Münchener Anthropologen Bruno Beger und dem Tübinger Privatdozenten Hans Fleischhacker. Das geschah in Abstimmung mit dem Straßburger Anatomen Hirt und mit nachdrücklicher Unterstützung durch den SS-Chef Himmler.

Im zweiten Teil schildert Lang die Planungen für eine Schausammlung von Schädeln und Skeletten zu dem Zweck, den ideologischen Rassismus wissenschaftlich zu bestätigen. Die Mediziner unterschieden sich nicht von Wissenschaftlern anderer Professionen, wenn sie sich in den Dienst der Rassenideologie stellten, und sie unterschieden sich auch nicht in ihrer Gewissenlosigkeit. Sie waren darauf fixiert, in Europa eine neue „Ordnung“ nicht mehr nach nationalstaatlichen und bürgerlichen, sondern nach völkisch-rassischen Kriterien zu begründen, die die Geschichte stillstellen und ewig gültig sein sollte: tausend Jahre.

Die Rassenideologie mit ihrer Theorie der unterschiedlichen Wertigkeit von Völkern bildete das Fundament, die Fixierung auf eine unverrückbare Neuordnung Europas nach diesen Kriterien das Motiv. Deshalb mordeten diese Intellektuellen ohne Skrupel. Die unfassbare Grausamkeit des Natzweiler-Verbrechens muss man so erklären, und die Gewissenlosigkeit der Täter wird noch zusätzlich grell beleuchtet, wenn Lang zeigt, wie sie die Ermordeten in Formalin liegen ließen, weil sie sie im Moment nicht brauchen konnten.

Zum Schluss werden die Ermittlungen der Alliierten beschrieben. Es war zunächst unbekannt, woher die Opfer kamen, bis der Lagerkommandant von Natzweiler 1945 gestand, dass sie in der Gaskammer dieses KZ umgebracht worden waren. Im Nürnberger Ärzteprozess wurde das Verbrechen 1946 rekonstruiert. Hirt hatte sich im Juni 1945 das Leben genommen, sein Partner bei der verwaltungsmäßigen Planung, der Himmler-Adlatus im „Ahnenerbe“ Wolfram Sievers, wurde zum Tode verurteilt und gehenkt. Beger und Fleischhacker kamen davon.

Im letzten Kapitel legt Lang offen, wie er mit Hilfe der Liste aus dem Holocaust-Museum in den Archiven von Auschwitz und Yad Vashem die „Namen der Nummern“ entschlüsseln konnte. Im Anhang hat er Kurzbiographien der 86 Opfer zusammengestellt. So ist es ihm gelungen, die Toten aus der Anonymität zu lösen. „Die Täter sollen nicht das letzte Wort gehabt haben“, schreibt er am Ende. Darum sei es erforderlich, sich der Ermordeten zu erinnern, ihre Namen zu suchen, sie im Gedächtnis zu bewahren und so einen Teil der deutschen und europäischen Vergangenheit wiederzufinden. Ein bewegendes Buch.

Abgedruckt in: Schwäbisches Tagblatt vom