DIE NAMEN DER NUMMERN
Eine Initiative zur Erinnerung an 86 jüdische Opfer eines Verbrechens von NS-Wissenschaftlern
 


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© Hans-Joachim Lang

Medizin-Ethik

Prof. Urban Wiesing zählt die Morde an den 86 jüdischen Frauen und Männer zu den “schrecklichsten Verbrechen nationalsozialistischer Ärzte”. Wiesing ist Professor für Medizin-Ethik an der Universität Tübingen. In der “Zeitschrift für medizinische Ethik” schrieb er folgenden Beitrag:

Dieses Buch ist außergewöhnlich. Es berichtet von einem der schrecklichsten Verbrechen nationalsozialistischer Ärzte. August Hirt, Anatomieprofessor an der Reichsuniversität Straßburg, wollte für künftige „judenfreie“ Zeiten zur wissenschaftlichen Dokumentation eine jüdische Skelettsammlung anlegen. Mit Unterstützung der SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ und einiger Kollegen wurden 1943 in Auschwitz 86 Juden ausgewählt, in das KZ Natzweiler-Struthof im Elsass gebracht, vergast und an das Straßburger anatomische Institut „geliefert“. Dort lagerten sie, weil sich der Aufbau der Sammlung verzögerte. Die Alliierten entdeckten das Verbrechen; es war Gegenstand des Nürnberger Ärzte-Prozesses und späterer gerichtlicher Verfahren. Die Opfer wurden nach der Untersuchung anonym in einem Massengrab bestattet. Niemand kannte die Namen der 86 ermoderten Juden, 29 Frauen, 57 Männer. Hans-Joachim Lang hat sie, 61 Jahre nach der Tat, herausgefunden.

Der Autor ist Journalist in Tübingen. In jahrelangen, umfangreichen Recherchen ist es ihm gelungen, den Opfern die Namenlosigkeit zu nehmen. Das Buch berichtet von der akribischen, zuweilen detektivischen Spurensuche, von den glücklichen Zufällen der Überlieferung, von Unterstützung, von Rückschlägen und Schwierigkeiten, von den entscheidenden Funden. Es beschreibt Menschen, ihre Geschichten, ihr Leben mit ihren Familien, mit all den Freuden, Leiden und Unwägbarkeiten. Es berichtet von ihrer Deportation nach Auschwitz, ihrer „Vermessung“, ihrer weiteren Verschleppung ins KZ Natzweiler-Struthof und ihrer Ermordung. Allen Lebensläufen ist eines gemein: Sie enden nach weiten Wegen durch Europa als leblose Körper in der Straßburger Anatomie, weil Ärzte und Anthropologen aus pseudowissenschaftlichem, von Rassenwahn entstelltem Interesse eine Sammlung jüdischer Skelette anlegen wollten, der Nachwelt zur Dokumentation. Das Buch gibt Einblick in den Organisationsablauf und die Bürokratie einer Medizin, die sich in ihrer vermeintlichen Wissenschaftlichkeit zu perfidem Mord befugt glaubt. Es vermittelt dem Leser das Selbstverständnis von Ärzten, die an ihrem Tun nicht zweifelten – auch nicht nach dem Kriege.

Hans-Joachim Lang hat gründlich recherchiert, sein Urteil ist wohlbegründet. Doch das Buch ist mehr als eine Abhandlung über eine moralische Katastrophe der Medizin. Es berichtet nicht nur über ein Verbrechen, sondern schreibt die Geschichte in besonderer Weise ein Stück weiter: Es gibt dem Opfern ihre Namen wieder. Der Autor wurde mit dem Preis der Brüsseler Fondation Auschwitz 2003/2004 ausgezeichnet.

Urban Wiesing

Hans-Joachim Lang: Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren. Hofmann und Campe, Hamburg 2004, 303 S., 19,90€