Die Täter

 

August Hirt

  • August Hirt
    Sammlung Hans-Joachim Lang
  • August Hirt - eine Karriere 

     

    August Hirt wurde am 29. April 1898 in Mannheim als Sohn eines schweizerischen Stukkateurs und späteren Likörfabrikanten geboren. Der in seinen Leistungen eher schwache Schüler, der 1912 wegen schlechter Noten in Mathematik und Französisch die Obertertia wiederholen musste, zog 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, bis ihn nach zwei Jahren ein Kieferndurchschuss vorübergehend zur Besinnung brachte. Er kehrte an sein Mannheimer Gymnasium zurück und legte 1917 die Reifeprüfung ab.

     

    Als Student der Medizin ließ sich August Hirt in Heidelberg immatrikulieren, wo er zusätzlich zur schweizerischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft erwarb.  Er trat in die völkisch-national eingestellte Burschenschaft “Normannia” ein und organisierte nach 1930 - mittlerweile Privatdozent - paramilitärische Wehrsportübungen. Am 1. April 1933 wurde Hirt, jetzt außerordentlicher Professor für Anatomie, Mitglied der SS. Als einen “parvenühaft arroganten Menschen” beschrieb ihn ein späterer Kollege, der ihn als seinen akademischen Lehrer in Heidelberg erlebt hatte.

     

    In den Heidelberger Jahren forschte Hirt über das Nervensystem der Niere und entwickelte zusammen mit dem Pharmakologen Philipp Ellinger einen neuen Typ von Fluoreszenzmikroskop, das als Intravitalmikroskop bekannt wurde. Dieses Instrument ermöglichte es den Wissenschaftlern erstmals, lebende Organe zu untersuchen, denen vorher Farbstoffe zugesetzt worden waren. Hirt und der erfahrenere und ältere Ellinger ließen sich Entwicklung patentieren, die Firma Zeiss in Jena kommerzialisierte die Idee. Trotzdem brach die Beziehung zwischen den beiden Wissenschaftlern ab. Denn Ellinger war Jude. Und damit wollte Hirt, spätestens seit seinem Eintritt in die SS, keinen Umgang mehr mit ihm. Aus dem gleichen Grund steht der Anatom im Verdacht, dabei mitgewirkt zu haben, dass sein Kollege Hermann Hoepke, der mit einer Jüdin verheiratet war, aus dem Hochschuldienst entlassen wurde. Nachdem Ellinger in die USA emigriert war, hielt seinen früheren Partner niemand und nichts mehr zurück, fortan dessen wissenschaftliche Beiträge zur Intravitalmikroskopie wie auch die Erträge aus den Patentrechten für sich allein zu reklamieren.

     

    Mit dem Ruf auf den Anatomie-Lehrstuhl an der Universität Greifswald kam 1936 der von Hirt lange vergeblich erhoffte Karriereschub. Zwei Jahre später tauschte er den Lehrstuhl mit einem Kollegen aus Frankfurt/Main, dessen Ehefrau das dortige Klima gesundheitlich ebensowenig vertrug wie Hirts Frau das Ostsee-Klima. Wegen seines freiwilligen Kriegsdienstes als Truppenarzt an der Westfront sahen ihn die Frankfurter allerdings nicht gerade häufig im dortigen Forschungsbetrieb. Wie schon in Greifswald leitete Hirt auch in Frankfurt/Main das Anatomischen Institute als Direktor. Und als er in Straßburg ankam, wohin er im Sommer 1941 berufen wurde, kam er in die gleiche Position.

     

    Wenige Monate nach seiner Ankunft in Straßburg fasste Hirt zusammen mit der SS-Wissenschaftsorganisation "Ahnenerbe" den Plan, die in seinem Institut vorhandenen anthropologischen Sammlungen auszubauen - und zwar "nach modernen Gesichtspunkten", wie er es einmal formulierte. Tier- und Humanpräparate wurden den Medizinern und auch einer allgemeinen Öffentlichkeit bereits im 18. Jahrhundert vorgezeigt. Im frühen 19. Jahrhundert hatten die neu entstandenen anatomischen und pathologischen Institute an den Universitäten begonnen, ebenfalls solche Sammlungen zusammenzustellen. In ihrer Anschaulichkeit dienten sie dem Erwerb und der Vermittlung von Wissen über den gesunden und den kranken Körper. Das in Deutschland bedeutendste Museum dieser Art gründete gegen Ende des 19. Jahrhunderts Rudolf Virchow in der Berliner Charité. Er hatte erkannt, wie viel sich damit für die Breitenwirkung seines Faches erreichen ließ. Die Straßburger Sammlung wurde von dem deutschen Anatom Gustav Schwalbe angelegt.

     

    Hirt wollte von 86 jüdischen Frauen und Männern, die er im KZ Natzweiler-Struthof ermorden ließ, deren Körper zu Skeletten präparieren lassen. Damit wollte er die anthropologische Sammlung seines Instituts nach rassenideologischen Gesichtspunkten erweitern. Er wurde damit ebenso zum Verbrecher wie mit seinen Menschenversuchen an weiteren KZ-Häftlingen, an denen er Gegenmittel zu Kampfgasen erprobte. Skrupellos bezog er außerdem aus nahen Gefangenenenlagern Leichen von russischen Kriegsgefangenen. Diese verwendete er auf verschiedene Weise in der Lehre.

     

    Noch vor der Ankunft der Alliierten in Straßburg setzte sich Hirt nach Tübingen ab, wohin die Reichsuniversität Straßburg ihren Sitz und zahlreiche Institute verlegte. Einen regulären Wissenschaftsbetrieb konnte der Anatom dort nicht mehr aufziehen. Wenige Tage vor dem Einmarsch der französischen Truppen in Tübingen (19. April 1945) flüchtete der Anatom ein weiteres Mal. Er kam bis in die Gegend vom Schluchsee im Schwarzwald, wo er vor seiner Selbsttötung am 2. Juni 1945 zunächst in einer Waldhütte, dann bei einer Bauernfamilie lebte.

     

     

     

    Wolfram Sievers